Im Interview: Prof. Dr. Hubert Weiger
6 Fragen an Prof. Dr Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)
1.: Warum halten Sie es für wichtig, sich für Fairness vom Acker bis zum Teller auch für heimische Lebensmittel einzusetzen?
Die Preise, die Bauern generell für ihre Produkte bekommen, sind seit langem zu niedrig, um eine umwelt- und tiergerechte Erzeugung sicher zu stellen. Inzwischen geraten auch Biobetriebe auf der ganzen Welt zunehmend in den Sog der konventionellen Niedrigpreise. Denn wenn Biolebensmittel, sehr viel teurer sind als konventionelle Ware, werden sie weniger gekauft. Wir müssen daher gemeinsam den Zusammenhang aufzeigen, dass bei Billigprodukten immer jemand “draufzahlt“: Entweder Arbeitnehmer, die Umwelt oder das Tier durch unwürdige Lebensbedingungen. Die fehlende Fairness und Transparenz hinsichtlich der externen Kosten der Landwirtschaft bedroht unsere Lebensgrundlagen. Hier gilt es politisch und persönlich gegenzusteuern.
2.: Was hat das mit den Zielen des BUND zu tun?
Nur durch eine flächendeckende und umweltverträgliche Landwirtschaft können die Ziele des Natur- und Umweltschutzes erreicht werden.
Niedrigpreise führen zu Billig-/industrieller Produktion und zu einer industriegerechten Landschaft, in der Lebensräume nivelliert, Umwelt- und Tierschutz auf der Strecke bleiben und die Arbeitsplätze der Menschen vernichtet werden.
Je mehr Menschen dieser Zusammenhang bewusst ist, desto mehr sind bereit, für ökologisch und fair erzeugte Lebensmittel angemessene Preise zu zahlen.
Biobetriebe und Biomärkte stehen unter besonderer Beobachtung der Gesellschaft und der Medien. Unfaire Praktiken können der ganzen Ökobewegung und damit auch dem Umweltschutz schaden. Umgekehrt können faire Regeln in der Produktion und im Handel aber zusätzliche Verkaufsargumente sein. Ein steigender Absatz solcher Produkte ermöglicht letztlich wieder die Umstellung weiterer Betriebe.
3.: Welche Landwirtschaft brauchen wir, um diesen Zielen näher zu kommen?
Im Ökolandbau sind bereits Grundsteine für mehr Fairness gelegt. So trägt jeder Hektar, der ökologisch bewirtschaftet wird, dazu bei, die Zahl von weltweit über 20 Millionen Pestizidopfern jährlich zu reduzieren. Das ist eine soziale Leistung, die gleichzeitig unsere Ökosysteme schont. Darauf können wir sehr gut aufbauen und soziale Leistungen wie eine angemessene Entlohnung von Arbeitskräften im Biosektor etablieren. Diese Arbeitskräfte sind dann noch besser in der Lage, Ökoprodukte zu kaufen.
Der BUND fordert eine ökologisch-soziale Marktwirtschaft mit strengen, nachhaltigen Regeln für alle Marktbeteiligten. Wir brauchen eine bäuerlich-ökologische Landwirtschaft. Diese verlangt von den Menschen, Tieren und der Umwelt nicht mehr als sie langfristig zu leisten im Stande sind ohne ihr Wesen und ihre Substanz zu verlieren. Wir brauchen Bauernhöfe, die wieder Nähe zu den Konsumenten zulassen und herstellen. Regionalität und Transparenz sind hier Stichworte. Viele BUND- Gruppen tragen mit gemeinsamen Aktionen mit Biobetrieben etwa zum Tag der Regionen oder im Rahmen der Kampagne "Meine Landwirtschaft" dazu bei wieder mehr Nähe und Vertrauen zu schaffen.
Mit Fairness kann jeder seine Haltung gegenüber Mitmenschen und der Umwelt ausdrücken.
4.: Da müssen dann aber auch alle mitspielen: Lebensmittelhersteller, Handel sowie Verbraucherinnen und Verbraucher, oder?
Selbstverständlich. Niedrige, unfaire Lebensmittelpreise und unfaire Bezahlung hiesiger Bauern haben überschaubare Ursachen:
1. Discounter und Supermärkte konkurrieren hierzulande sehr intensiv und haben dabei VerbraucherInnen dazu erzogen, vor allem auf den Preis zu achten. . Qualität und Fairness müssen wir gemeinsam endlich wieder zu Kaufargumenten machen. Mit der weit verbreiteten Geiz-ist-geil-Haltung ist das nicht vereinbar. Die Biobewegung sollte sich an die Spitze eines notwendigen Mentalitätswechsels setzen.
2. Die Politik in Berlin und Brüssel erlaubt ganz im Sinne von Handel und Industrie, dass gewaltige Überschüsse an Lebensmitteln wie Fleisch und Milch erzeugt werden. Das Überangebot drückt die Preise und veranlasst Betriebe zu drastischen Rationalisierungsmaßnahmen wie etwa der umweltschädlichen Massentierhaltung - wenn Bauern keine alternativen Vermarktungswege finden. Der BUND kämpft bei der anstehenden Agrarreform in Brüssel daher an der Seite von bäuerlichen Betrie- ben für faire Marktregeln, damit nachhaltige Lebensmittelerzeugung auch nachhaltig Einkommen sichert.
3. Derzeit sind irreführende Lebensmittel-Aufmachungen weit verbreitet. Fleisch, das mit Soja aus Entwicklungsländern erzeugt wurde, darf da z.B. "Bauernglück" heißen und mit Bildern von Tieren auf der Wiese beworben werden. Auf Kakaopackungen lächeln Kleinbauern, obwohl Kinderarbeit dahinter steckt. Wirklich umweltfreundlich und fair wirtschaftende Anbieter haben daher keine fairen Marktchancen. Der BUND setzt sich vehement für eine Verbesserung der der Kennzeichnungsregeln ein im Sinne von Klarheit und Wahrhaftigkeit. Biolebensmittel können und müssen hier besser sein als die „Werbewindbeutel“ der konventionellen Marken.
5.: Sind bio&faire Lebensmittel für Sie eine Nische für wenige Menschen oder haben Sie eine größere Bedeutung?
Das Potential für ökologisch-faire Lebensmittel ist sicher enorm. Ob wir das Potential ausschöpfen können, liegt zum einen daran, ob es gelingt die Scheinwelt der herkömmlichen Nahrungsmittelmärkte zu entlarven. Zum anderen gilt es die neuen Medien intelligent zu nutzen, um die Idee vom ökologischen Fair-Food unter die Menschen zu tragen und möglichst persönliche Beziehungen herzustellen zwischen der Landwirtschaft und der urban lebenden Bevölkerung.
6. Mal ganz ehrlich: schaffen Sie es immer, sich fair zu verhalten oder fällt es Ihnen manchmal auch schwer?
Ich versuche mein Bestes. Vor allem versuche ich die Ursachen und Motive für unfaire Praktiken zu durchschauen und dann zu verändern - auch bei mir persönlich.
September 2011

