Zu viele Bienen?
Bienenstand in der Natur g

Zu viele Bienen?

Rund 70 Bienenvölker hat der Bio-Imker Christopher Mann. Seit 2010 bemüht er sich um eine artgerechte Bienenhaltung, wie er betont. Den Honig aus seiner Plagwitzer Wanderimkerei vermarktet er nahezu lokal in und um Leipzig herum, wo auch seine Imkerei liegt.

In Deutschland gibt es ca. 110.000 Imker, von denen allerdings nur 1% über 50 Völker haben. (Deutscher Imkerbund 2015) Da gehören Sie mit Ihrer Plagwitzer Wanderimkerei ja schon zu den „Großen“, oder?

Christopher Mann: In Deutschland wird die Imkerei schon seit langem fast ausschließlich nebenbei betrieben. Also gehöre ich, als einer der wenigen Berufsimker, zu den "Großen". Ich bewege mich mit meinen 70 Völkern an der unteren Grenze dessen, womit sich ein Einkommen erzielen lässt. In der Betriebsberatung geht man mittlerweile von einer notwendigen Mindestgröße von 600-1000 Völkern aus, wenn man sein Geld nur aus eigenem Honig erwirtschaften will. Ich lebe auch nur von meinem Honig und bin aus dieser Perspektive dann eben ein Würmchen.

Insgesamt geht der Trend in der Imkerei aber klar zum Wachstum. Kritik daran hören meine Kollegen derzeit noch nicht so gerne. Auch in der Bioszene gibt es einige sehr große und junge, überaus wachstumsfreudige Betriebe. Da hat sich, meinem Eindruck nach, eine eigene Dynamik entwickelt und da das häufige und weite Wandern mit den Bienenvölkern in manchen Regionen zu unheimlich hohen Bienendichten führt, finde ich es durchaus bedenklich.

Sollte es Bestandsobergrenzen für Bienenvölker geben? In den Richtlinien des Anbauverbandes Biokreis – und ähnlich beim Anbauverband Naturland, Demeter oder Bioland, findet sich die Formulierung, dass „nur so viele Bienenvölker an einem Standort aufgestellt werden (dürfen), dass die ausreichende Versorgung eines jeden Volkes mit Pollen, Nektar und Wasser gewährleistet ist.“ Biokreis RL 2014 . Warum reicht Ihnen das nicht?

Christopher Mann: So, wie ich die Beziehung von Insekten-und Pflanzenwelt verstehe, basiert sie auf einem Überfluss an Tracht. Wenn wir Imker uns nach geeigneten Standorten für unsere Bienen umsehen, sehen wir uns die umgebende Pflanzenwelt an. Wir ziehen Nektarwertzahlen zu Rate, um zu sehen wie die Versorgungslage mit diesem in der Regel limitierenden Nährstoff ist. Dort kann man dann beispielsweise lesen, dass bei einem Hektar Reinbestand von dieser und jener Pflanze unter Optimalbedingungen Nektar für 1000 kg Honig gespendet werden kann. Unter schlechten Bedingungen liegt der Wert dann zum Beispiel nur bei 50 kg. Wir Menschen sind nun gewohnt zu ernten, was auf den Feldern wächst und von diesen möglichen 1000 kg/ha sind wir bestrebt möglichst viel, beispielsweise 500 kg in unseren Honigkasten zu bekommen. Das klingt doch zunächst zurückhaltend und nachhaltig einen Mittelwert anzunehmen, ist es aber nicht. Ein Bienenvolk braucht über 250 kg Honig pro Jahr zum Überleben. Ein Großteil davon wird während der Honigsaison für Wärmehaushalt, Aufzucht und Ernährung aufgewendet. Das bedeutet, dass in den Frühjahrs- und Sommermonaten, in denen ein Berufsimker versucht etwa 50-100 kg Honig pro Volk zu ernten, jedes dieser Völker weitere gute 200 kg für den Eigenbedarf braucht, Honig, den der Imker nie direkt sieht und der in der Rechnung leicht vergessen wird.

Meinen Sie, dass die Imker die vorhandenen wild lebenden Insekten zu wenig berücksichtigen, was eine zu große Nahrungskonkurrenz zur Folge haben kann?

Christopher Mann: Gerne wandern wir mit unseren Völkern gute Trachtgebiete an und übersehen dabei die dort bestehende Insektengesellschaft, in deren Habitate wir zum Teil vordringen. Wenn's gut läuft, dauert so eine Wanderung 2 bis 3 Wochen, es scheint die ganze Zeit über die Sonne, die Böden sind feucht, alles ist gut, denn die Pflanzen bieten den Insekten diesen Überfluss, von dem ich vorhin sprach. Versucht man nun die Hälfte der möglichen Nektarmenge zu ernten, weil man den Eigenverbrauch aller Insekten vergisst, dann besteht der Überfluss schon unter Optimalbedingungen nicht mehr. Man wundert sich vielleicht etwas, denn man erntet unter diesen optimalen Bedingungen nur einen Durchschnittsertrag. Wenn es kalt und regnerisch ist, stehen die Bienen auch mal 5 Wochen an solch einem Wanderplatz und finden kaum genug zum Leben. Sie fangen an ihre Brut, die sie nicht versorgen können, auszuräumen. Manche Imker hängen bei Zeiten Futterwaben zu. Aber wer füttert Solitärbienen oder Hummeln? Und warum Missachten wir dieses Überflussprinzip, das uns starke und gesunde Völker beschert und Honigerträge auch in schlechteren Jahren sichert?

Bienenstand und Heuwiese k

Was schlagen Sie vor, um die Wildbienen, -hummeln und anderen wildlebenden Insekten zu schützen?

Christopher Mann: Bienen prägen eine natürliche Landschaft mit der Zeit, indem sie ihren Trachtpflanzen durch die Bestäubung einen Vorteil verschaffen. Da ihnen diese konstruktive Möglichkeit in einer Kulturlandschaft verwehrt bleibt, ziehen die Imker mit ihnen in zufällig entstandene Trachtgebiete und beuten diese so gut es geht aus. Höchstwahrscheinlich werden wir unsere Kulturlandschaft nie wieder der Natur überlassen und, da ich im Denken seit meiner Lehre durchaus ein Landwirt geblieben bin, will ich das auch gar nicht. Ich träume von einer Land- und Forstwirtschaft, die sich an den Bedürfnissen der Bienen ausrichtet. Im Gegenzug käme die ertrags-und qualitätssteigernde Bestäubungsleistung der Bienen zum Tragen. Zudem vermute ich in der Überlebensfähigkeit der Biene in einer Landschaft einen guten Indikator für das Wohlbefinden des ganzen Ökosystems. Die bienenfreundliche Landwirtschaft wäre ein Ansatz in dem vermutlich gleichermaßen Ernährungssicherheit für Menschen und Natur Berücksichtigung finden.

Solange wir aber nicht die Voraussetzungen für eine ordentliche Bienenhaltung schaffen, werden einige Landstriche mit Bienenvölkern zugepflastert sein, wo Bienenvölker in unsinniger Konkurrenzsituation zueinander und zum Ökosystem leben, während anderen Orts Agrar-und Forstwüsten bestehen. Das oben genannte Zitat aus den Verbandsrichtlinien klingt gut, ist aber inhaltsleer. Kein Imker ist so dumm und lässt während der Saison seine Völker verhungern. Vielleicht wäre eine Bestandsobergrenze ein Mittel, vielleicht sollten wir aufhören zu wandern. Vor allem müssen wir aber die Landschaft verändern! Eine naturnahe Imkerei ist in einer Landschaft, die Wildtieren kaum Nischen bietet schwierig. Damit müssen wir uns konfrontieren. Wir sollten auch die wild lebenden Insekten mit einbeziehen.

bienenfreundliche Landschaft k

Hier gibt es weitere Infos zum Thema:

Heimische Wildbienen auf der roten Liste

BUND: Wildbienen: Emsige Sammler


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